Im Gespräch mit Prof. Dr. Julius H. Schoeps, Prof. Dr. Michael Brenner und Dr. Jacques Schuster


Die jüdische Studierendeninitiative Studentim spricht über die jüdische Gedenkkultur mit Prof. Dr. Julius H. Schoeps. Prof. Dr. Michael Brenner und Dr. Jacques Schuster.

Die jüdische Religion versteht sich als praktische Religion des „Tuns“, in der das Gedenken und die Erinnerung eine zentrale, tragende Rolle spielen, für die Gemeinschaft und die Religionspraxis. Wichtige jüdische Feiertage wie Chanukka, Purim und vor allem Pessach erhalten ihren Feiertagscharakter durch das gemeinsame Erinnern an das Vergangene.

Daher die Frage: Warum ist die religiöse Gedenkkultur so wichtig und welchen Einfluss hat sie auf den Zeitgeist der Religion?


Prof. Dr. Julius H. Schoeps:

Das Erinnern und Gedenken haben im Judentum eine große Bedeutung. In der hebräischen Bibel, dem Tanach, wir der Begriff „Sachor“ vielfach erwähnt. Damit ist gemeint, dass das jüdische Volk sich seines Gottes, seiner Geschichte und seiner Feinde erinnert. Mit den Gedenktagen halten die Juden die Erinnerung an die Geschichte des jüdischen Volkes wach. Pessach bezieht sich auf den Auszug der Juden aus Ägypten, Sukkot, das Laubhüttenfest, erinnert an den Zug durch die Wüste nach dem babylonischen Exil und mit Chanukka, dem Lichterfest, feiert die jüdische Gemeinschaft die Neueinweihung des Tempels und an Purim die Rettung des jüdischen Volkes vor der Ausrottung durch Haman., den persischen Regierungsbeamten.

Die Moses Mendelssohn Stiftung entwickelt gerade den Plan, benachbart zum Gedenkort Gleis 17 am S-Bahnhof Berlin Grunewald, ein Studentenwohnheim und eine Ausstellungs und Dokumentationsfläche zu errichten. Es soll der 55000 Berliner Juden und Jüdinnen gedacht werden, die in die Vernichtungslager deportiert wurden.


Prof. Dr. Julius H. Schoeps, Moses Mendelsohn Stiftung



Prof. Dr. Michael Brenner:

Kein anderer jüdischer Feiertag stellt das Gedenken an die Geschichte so sehr in den Mittelpunkt wie Pessach. „Sachor“ – Erinnere Dich! Darum geht es in der Pessach-Haggadah und in der gesamten Liturgie dieses Feiertags. Natürlich gedenken wir vor allem eines Ereignisses, des Auszugs aus Ägypten. Aber symbolisch bedeutet dieser Auszug das Ende jeder Knechtschaft. Deswegen gab es über die Jahrhunderte immer Haggadot mit aktuellem Bezug. Wenn dieser nicht im Text erkennbar war, dann eben in den Illustrationen. Und deswegen hat der Exodus aus Ägypten auch eine universelle Bedeutung erlangt. So identifizierten sich einst auch die afro-amerikanischen Sklaven damit: „When Israel was in Egypt's land - Let my people go“

Geschichte ist nicht nur Vergangenheit. In der Haggadah lesen wir: Du sollst Dich so fühlen, als ob Du selbst aus Ägypten ausgezogen wärest. Damit ist der aktuelle Bezug der Geschichte hergestellt – und noch deutlicher: die Solidarität mit den Verfolgten und Exilierten jeder Generation. Wenn heute Flüchtlinge zu uns kommen, dann sind wir aufgefordert nicht zu vergessen, dass unsere Vorfahren nicht nur einmal, sondern immer wieder auch Flüchtlinge waren. Und dies bedeutet Verantwortung auch gegenüber anderen in dieser Situation zu übernehmen. So ist Pessach auch ein universeller Feiertag, der uns an die Verantwortung gegenüber den Leidenden dieser Welt erinnert – und zur Tat aufruft. Denn mit dem Lippenbekenntnis allein ist es nicht getan.


Prof. Dr. Michael Brenner, Ludwig-Maximilian-Universität München



Dr. Jacques Schuster:

Seit der Zerstörung des Tempels besaßen die Juden fast über zwei Jahrtausende hinweg weder einen Staat noch eine einheitliche Autorität, die sie zusammenhielt, ihnen einen Rahmen, einen Halt und eine Identität gab. Ihr Vaterland, ihr Staat, ihr Halt waren die Bibel und die Erinnerungen an das Vergangene. Leo Baecks zentraler Satz in seinem Buch „Das Wesen des Judentums“ fasst es treffend zusammen: „Kein Judentum ohne jüdische Tradition.“ Man sieht es an der Bibel selbst: Das Verb „zachar“ – erinnern – kommt im Buch der Bücher nicht weniger als 169-mal vor. Allein diese Zahl zeigt, für wie wichtig die Erinnerung gehalten wird. Was für die Juden gilt, gilt auch für den Menschen als solchen. Ohne das Wissen um die eigene Geschichte und das eigene Herkommen irrt der Mensch durch ein Niemandsland endloser Gegenwart. Die Geschichte, die Erinnerung – das macht uns zu Menschen!

Zum Menschen gehört aber auch noch eine andere Gabe: die Fähigkeit in die Zukunft zu schauen. Es darf nicht dazu kommen, dass man nur im Gestern verharrt. Wer sich bloß mit dem Vergangenen beschäftigt, der kommt, wie Goethe sagt, „in Gefahr, das Entschlafene, für uns Mumienhafte, vertrocknet an sein Herz zu schließen“. Das darf nicht geschehen. Auch nicht im Judentum! Jede Generation hat die Aufgabe, das Vergangene für sich neu zu bewerten und daraus seine Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Wer es nicht tut, der macht aus dem Jüdischen etwas Mumienhaftes, Totes. Es gilt also, Vergangenes und Zukünftiges in einem Gleichgewicht zu halten.


Dr. Jacques Schuster, Chefkommentator/Ressortleiter Politik der WELT und WELT AM SONNTAG



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